20. Oktober 2015

Was bin ich?

Ich bin ein feines Gefühl, das jeder kennt, und doch fällt es schwer, mir einen Namen zu geben. Ich bin das Kribbeln im Bauch, der Zauber, der jedem neuen Anfang innewohnt. Ich bin das Potenzial einer Begegnung. Ich bin Vorfreude, ohne so recht zu wissen, worauf eigentlich. Ich bin lustvoll, ohne dass unbedingt Sexualität im Spiel sein muss. Ich bin Motivation, ohne das Ziel zu kennen, auf das ich hin arbeite. Ich bin der Herzschlag, der sich erhöht und das Leuchten in den Augen. Ich bin das Glitzern, das die Dinge überzieht. Ich bin das Gespür, was den Weg weist. Ich bin das, was Menschen sich lebendig fühlen lässt, ich evoziere Abenteuer und Verrücktheiten. Ich bin das, was es möglich macht, dass Menschen sich von überkommenen Ritualen und von Schemata befreien, die nicht mehr passen. Ich bin das leise, unlogische und unbestimmte Mehr, das zu allem, was ist, hinzukommt. Ich erschaffe eine neue Dimension, die vorher noch nicht da war.

Menschen erleben mich in den verschiedensten Tätigkeiten, und es gibt mich in den verschiedensten Ausprägungen. Ich komme manchmal in buntem Gewande daher und bringe eine schiere Vielfalt von Möglichkeiten und neuen Impulsen mit mir, und manchmal erscheine ich auch ganz schlicht und gleichförmig. In manchen Fällen ist es notwendig, jahrelang zu üben, oder man muss sich richtig anstrengen, damit ich zur vollen Entfaltung finde. Manchmal entstehe ich auch von jetzt auf gleich, ohne große Vorbereitung und ganz mühelos. Manchmal setze ich alle Zellen und Fasern des menschlichen Körpers unter intensivsten Starkstrom, und manchmal bin ich nicht mehr als ein vorsichtiges, unspektakuläres Anklopfen an einer Türe.

Man findet mich in verschiedensten menschlichen Tätigkeiten. Die folgende Liste ist ohne (moralische) Wertung zu verstehen, bestimmte Tätigkeiten sind also nicht besser oder schlechter, als andere. Es geht eher um die Frage, auf welche Weise und in welcher Art sie mich, das feine Gefühl, hervorzubringen vermögen. Hier sind einige Beispiele:

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand hoch, Intensität hoch:
Entwicklungshilfe in einem fremden Land, Klavierspielen, Kunst herstellen

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand niedrig, Intensität hoch:
Reisen, Fremdgehen, ein Konzert besuchen, Sport konsumieren

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand hoch, Intensität niedrig:
Lesen anspruchsvoller Literatur

Vielfalt hoch, Übung/Aufwand niedrig, Intensität niedrig:
Durchs Fernsehen zappen, Briefmarken sammeln

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand niedrig, Intensität hoch:
Sauna

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand hoch, Intensität hoch:
Selbst Sport machen

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand hoch, Intensität niedrig:
Karten spielen

Vielfalt niedrig, Übung/Aufwand niedrig, Intensität niedrig:
Zigarette rauchen, Schokolade essen

Was also bin ich?

 

 

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12. August 2015

Filmtipp: Mandala

Im Dokumentarfilm “Mandala” sieht man eine Stunde lang sechs buddhistischen Mönchen dabei zu, wie sie aus farbigem Sand ein buntes, atemberaubendes geometrisches Schaubild streuen, 5 Meter im Durchmesser. Mandalas sind heilige Symbole… das Mandalaritual braucht höchste Konzentration – jedes Sandkorn wird an die richtige Stelle gestreut, und es gibt nur einen einzigen Versuch: Was einmal gestreut wurde, ist gestreut und lässt sich nicht mehr verändern. Einer der Mönche sagt im Interview, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand mit gekreuzten Beinen in einer Höhle sitzt und in tiefer Kontemplation versunken ist, oder ob man Sandkörnchen zwischen den Fingern hindurch rieseln lässt, um die bunten Formen entstehen zu lassen. Das Ritual braucht zehn Tage tief konzentrierten Arbeitens. Es entstehen nicht einfach nur beliebige geometrische Formen, sondern ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel heiliger Symbole, die über tausende von Jahren hinweg mit Sinn aufgeladen wurden. Jede der Formen hat eine eigene, von den Mönchen tief gefühlte Bedeutung.

Wenn das Schaubild fertig ist, und seine höchste Perfektion erlangt hat, wird der Sand, aus dem es gemacht wurde, mit kleinen Besen innerhalb weniger Minuten zusammengekehrt. Was vorher eine große, symbolische Farbenpracht war, ist mit einem Male nicht mehr, als bloßer Staub.

Was mich an dem Film beeindruckt, ist die Macht, die diese letzte Geste hat. Sie zeigt die Relativität alles Symbolischen. So, wie die Symbole im Mandala, so sind (wären) prinzipiell auch alle anderen geschaffenen Symbolwelten des Menschen mit einem Male wegwischbar. Prägende Gedanken in Romanen, Gesetzestexte und Reden von Politikern, filmische Szenen, die sich tief ins Unbewusste eingegraben haben. Märchen, die wir als Kinder gehört haben und die unser In-der-Welt-Sein prägen. Eine Kultur wird durch Symbole zusammengehalten. Die buddhistischen Mönche zeigen, wie leicht es ist, all diese Pracht mit einem Male vergehen zu lassen. Was übrig bleibt, ist das rein Materielle, der Sand, der einem nahe gelegenen Fluss übergeben wird. Er wird von der Strömung fortgetragen, und der Film ist zu Ende. Diese letzte Handlung, die die Mönche vollführen, ist selbst ein Ritual. Es ist ein Ritual, das alle Rituale relativiert und transzendiert. Es ist ein Symbol für die Grenzen alles Symbolischen.

Auch dieser Text, den ich hier gerade eintippe, ist, wie jeder Text, nicht mehr als der Sand und das Metall, aus dem die Schaltkreise meines Computers gefertigt sind, wenn man ihn aller symbolischen Bedeutung entkleidet. Alle sprachlichen Arbeiten, die auf Symbolen beruhen, seien es nun Hausarbeiten oder Dissertationsschriften, philosophische Werke oder große Weltliteratur – all dies sind Beispiele symbolisch geschaffener Wirklichkeit. Sie sind nicht mehr, und nicht weniger als das. Wir haben die Wahl, ob wir sie ernst nehmen, genießen und nutzen, oder ob wir sie relativieren und wegwischen wollen.

Dabei ist jedoch zu beachten: Die Mönche in dem Film haben sich nicht einfach entschieden, ohne Symbole zu leben. Im Gegenteil. Sie haben sich entschieden, im Mandalaritual ein Symbol zu schaffen, das alle Symbole im Symbolischen vereint. Vielleicht können Menschen gar nicht ohne den Halt, den Symbole geben, leben.

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Es gibt eine bestimmte Klasse von Problemen, die nicht da sind, wenn wir uns dafür entscheiden, dass sie nicht da sind. Sie sind keine realen Steine, die im Weg liegen. Sie sind nicht mehr, als eine gemeinsam-geschaffene, symbolische Realität, auf die man sich irgendwann mal geeinigt hat. So, wie Geldscheine nur deshalb eine Bedeutung haben, weil sowohl Käufer als auch Verkäufer daran glauben, dass Geldscheine eine Bedeutung haben, sind auch diese Probleme nur dann da, wenn alle Beteiligten daran glauben, dass sie da sind.

Die Kunst besteht wohl darin, zu erkennen, ob es sich bei einem Problem um ein Problem handelt, das auch dann noch da ist, wenn man sich gemeinsam dafür entscheidet, dass es nicht da ist, – oder eben um eines, das dann einfach nicht mehr da ist. Ein Beispiel für ein Problem, das noch da ist, selbst wenn man sich dafür entscheidet, dass es weg ist, wäre eine Krebserkrankung. Sie verschwindet durch die Entscheidung nicht, sie hat eine organische, physiologische Basis, die sich nicht um Vereinbarungen zwischen Menschen kümmert.

Auch Probleme, die zu viele Menschen einbeziehen, als dass diese sich noch gemeinsam darauf einigen könnten (oder wollen würden), dass die Probleme nicht mehr da sind, gehören nicht zu der von mir gemeinten Klasse von Problemen. Ein Beispiel wären etwa Schulden bei einer Bank. Es wäre zwar möglich, dass der Schuldner und z.B. seine Familie oder sein engerer Freundes- und Bekanntenkreis sich darauf einigen, dass es die Schulden nicht gibt. Dies würde dieser Gruppe von Menschen vielleicht eine Zeit lang einen guten Schlaf bescheren. Es gibt jedoch noch eine große Menge anderer Menschen, die glauben, dass die Schulden da sind, und spätestens wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, sind diese Probleme tatsächlich wieder da.

Physiologisch bedingte Probleme, von großen sozialen Institutionen oder von vertraglichen Festschreibungen oder von äußeren Bedingungen abhängige Probleme zählen also nicht dazu.

Probleme, die nicht da sind, sind daher als solche definierbar, die lediglich im rein Symbolischen ablaufen und nur eine geringe Anzahl von Beteiligten angehen. Wenn diese beiden Bedingungen gegeben sind, können Probleme einfach dadurch verschwinden, dass alle gemeinsam beschließen, dass es kein Problem gibt. Dann löst es sich sprichwörtlich in Luft auf. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Angst vor dem Unmut ihrer Arbeitskollegen, weil Sie zu spät zur Arbeit gekommen sind. Sie haben eine gemeinsame Projektbesprechung und alle warten auf Sie. Sie kommen durchgeschwitzt (weil Sie gerannt sind) ins Besprechungszimmer, und alle sitzen vergnüglich beieinander, plaudern und trinken Kaffee. Das Problem “Eine Person kommt zu spät und alle müssen warten” ist genau dann kein Problem, wenn alle Beteiligten sich gemeinsam dafür entscheiden, dass dies kein Problem ist. Natürlich könnten die an dieser Szene Beteiligten auch mit genervt wippenden Füßen da sitzen und grimmig drein blicken, wenn Sie in den Raum hereinstürzen. Dies würde jedoch nichts ändern. Selbst die Konsequenzen (v.a. der Zeitverlust) wären in beiden Fällen dieselben.

Andere Beispiele wären Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, Beziehungsdramen, die sich nur zwischen einer kleinen Zahl von Menschen abspielen oder Traumatisierungen, die über Generationen hinweg weiter gegeben werden und bei den Zielpersonen jeglicher Grundlage entbehren. In all diesen Situationen kann es sinnvoll sein, Probleme einfach gemeinsam weg zu definieren. Sofern dies von allen Beteiligten so getragen wird, ist es Realität, und gilt von nun an.

Die Möglichkeit, Probleme, die nicht da sind, einfach per Wegdefinition verschwinden zu lassen, ist ein Zeichen von Vertrauen.

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11. Januar 2015

Fühlen führt

Vor einigen Tagen durfte ich einer Seminarstunde beiwohnen, in der Bettina Markones Studis erklärt und gezeigt hat, was Focusing ist. Ich war froh, dass ich mich ein wenig zurücklehnen und selbst mit zuhören konnte. Ich staune in solchen Situationen immer wieder darüber, wie bereichernd das ist, wenn ein Mensch sein Können vorführt. Da ich jetzt seit mittlerweile 8 Jahren Focusing praktiziere und mich auch theoretisch mit dem Thema (Technik, Haltung, dahinterstehende Philosophie usw.) beschäftige, ist Vieles davon mir in Fleisch und Blut übergegangen. Aber es ist nochmal eine ganz andere Nummer, einem Meister eines Fachs zuzuhören und beizuwohnen.

Was mir vor allem klar wurde, war, wie wichtig die Basics tatsächlich sind. Die allerersten einfachen Schritte, die man zuerst kennen lernt. Der erste dieser Schritte ist das sogenannte “Freiraum-Schaffen”. Die Grundidee ist ganz schlicht: Wenn wir noch verwickelt sind in ein Thema, sind wir nicht in der Lage, über Lösungen nachzudenken. Es gibt keinen Unterschied zwischen mir und dem Thema: “Es ist nur Problem.” Deshalb ist es zunächst sinnvoll, Abstand zu erzeugen. Es gibt unzählige Variationen der FreiRaum-Übung. Eine oftmals wirksame Möglichkeit ist es, sich vor dem inneren Auge vorzustellen, wie man unterschiedliche Themen in Päckchen packt und sie an gute Orte gibt, wo sie sich (zumindest einigermaßen) wohlfühlen. Auf diese Art sortiert man nach und nach sein ganzes Leben. Von “Da ist nur Problem” gelangt man zu “Hier bin ich und dort ist das Problem”. Es ist eine Handbreit Luft dazwischen gekommen und das Problem wir zu einem greifbaren und begreifbaren Etwas. Dann erst kann man, in den nächsten Focusing-Schritten, damit beginnen, Päckchen einzeln herzunehmen und über Lösungen nachzudenken.

Beziehungsweise: nachzuspüren. Denn Focusing ist keine Kopfarbeit, sondern primär Körperarbeit. Es geht eher darum, dem neuen Gefühl Raum zu geben, das bereits “weiß”, wie es sein wird, wenn das Problem gelöst ist, statt das Problem zu analysieren und rational zu durchdringen. Auch das wurde nochmal ganz deutlich in der Seminarstunde. Es geht vor allem darum, den Körperempfindungen, die mit einer möglichen Lösung assoziiert sind, nachzuspüren und sie präzise zu symbolisieren. Zu erspüren, wie sie sich im Prozess des Wahrnehmens langsam verändern. Auf diese Weise findet man zu frischen neuen Schritten, die, aus der alten Problemtrance heraus, nicht vorhersehbar waren. Diese Haltung ist aus dem systemischen Arbeiten übernommen. Ich finde die Idee gut, den konkreten Lösungs-Schritt schon an der Stelle im Freiraum-Schritt einzubauen, an dem ich das Problem herausgestellt habe. Da ist die perfekte Lücke, in die man den Keimling für eine Lösung hineinpflanzen kann.

Diese beiden Kleinigkeiten möchte ich hier im Tagebuch festhalten:

  • Nach dem klassischen Freiraumschritt einen kleinen Lösung-Gefühls-Schritt einbauen (“Wie fühlt es sich an, wenn das Problem gelöst ist?”)
  • Körperempfindungen symbolisieren. Und zwar wirklich, wirklich Körperempfindungen. Bei meiner ganzen Beschäftigung mit Sprache und Kommunikation in den letzten Jahren vergesse ich das manchmal, dass es zu allererst darum geht, neue Dinge zu fühlen.

Zusammengebracht: Zu fühlen, dass alles gut ist, ist der Beginn von etwas Neuem, was dazu führen wird, dass alles gut ist. Fühlen führt.

Und, vielleicht noch ein dritter Gedanke zum Schluss: Focusing macht Spaß und ist kinderleicht. Das lerne ich auch von Bettina, die mit Kindern Focusing macht, nicht nur mit Problemthemen, sondern einfach so. Zu allem möglichen. Zu schönen Dingen. Dann braucht man auch nichts in Päckchen zu packen und rauszustellen, sondern kann von Anfang an in den reinen Genuss angenehmer Empfindungen kommen.

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1. Januar 2015

Neue Helden

In einem der frühen Star Wars Filme gibt es eine Szene, in der die Hauptfigur, Luke Skywalker, in einem kleinen Mini-Raumschiff sitzt und mit atemberaubender Geschwindigkeit durch einen tiefen Kanal des Todessterns jagt. Sein Ziel ist es, den Stern zu vernichten. Er hat die Baupläne des künstlichen Planeten studiert, und gemeinsam mit seinen Gefährten eine Stelle gefunden, an der der ansonsten so sichere Stern extrem verwundbar ist. So gesehen ist diese Geschichte eine Variation der alten Mär von Siegfried und dem Lindenblatt. Siegfried, der Drachentöter, ist eine Figur aus einer deutschen Sage. Er tötete den Drachen und badete im Blut der getöteten Kreatur. Nur an seiner Ferse, an der ein Lindenblatt klebte, bleibt er verwundbar. Sein Körper ist durch das Blut des Feindes hart und stählern geworden. An einer kleinen Stelle jedoch bleibt er weich und verletzlich.

In jeder Situation in unserem Leben gibt es ein solch kleine Stelle, einen Schatten, der das ansonsten Perfekte durch die Unperfektion erst wirklich rund und echt macht. Auch jeder Mensch hatte in seinem Leben irgendwo ein Lindenblatt, als er sich in den Kämpfen des Alltags hart gemacht hat. Die Frage ist, ob wir uns damit beschäftigen wollen, ob wir diese Stelle lieb haben und uns an ihr erfreuen können, oder ob wir versuchen wollen, sie zu ignorieren, sie zu verkleinern und loszuwerden, um vollständig zu verhärten.

Es ist auch eine kleine, unscheinbare Stelle in der Technik des Planeten, in die Luke Skywalker mit der Strahlenkanone hineinfeuern muss, damit der Todesstern vernichtet wird. Dem aufmerksamen Leser dürfte jedoch aufgefallen sein sein, dass etwas an meiner bisherigen Logik nicht ganz stimmt. Wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, so wird schnell ein innerer Widerspruch deutlich: Während nämlich Siegfried, der alte deutsche Held, den Drachen tötete und nach dem Kampfe versuchte, unverwundbar zu werden, bleibt Skywalker, der Held der Zukunft, von vornherein verwundbar. Er versucht auch gar nicht erst, das zu ändern. Es gibt keinen Augenblick, in dem er darauf aus ist, sich zu stählen und hart zu machen.

So gesehen hat sich unser Heldenbild gewandelt. Während früher der Kämpfer, der auszog, den Drachen zu töten, der Held war, und der Drache der Feind, so ist in moderner Zeit das (fast) Unverwundbare seinerseits der neue Feind geworden. Würde man die beiden Geschichten wie Overheadfolien übereinander legen, so würde die alte Figur des Siegfried eher mit dem Bild des Todessterns kongruieren, als mit dem des jungen Luke. Die neuen Helden sind nicht mehr die verwegenen Kämpfer, die die Drachen töten, sondern diejenigen, die nach kleinen, unscheinbaren Stellen im Leben suchen, die an die Form von Lindenblättern erinnern.

Wenn sie sie gefunden haben, feuern sie jedoch nicht hinein. In diesem Aspekt ist auch Skywalker ein alter Held wie Siegfried, ganz im ganz klassischen Sinne. Die neuen Helden nutzen die verwundbare Stelle nicht aus, für ihren eigenen Sieg, sondern sie legen behutsam und liebevoll eine wärmende Hand darauf. Sie lassen sich von ihr leiten, wie von einem stillen Wegweiser. Sie schließen die Augen und laufen darauf zu. So wie Skywalker feuert, ohne die Zielvorrichtung zu verwenden, verlasse sie sich ganz auf ihr Gespür für die Situation.

In diesem Sinne: Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr und die Fähigkeit, mit geschlossenen Augen zu laufen! Möge die Macht mit uns sein!
:-)

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Focusing kommt oft in therapeutischen Settings zur Anwendung. Das ist kein Wunder, denn es entwickelte sich im geistigen Umkreis von Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie. Gendlin, der “Erfinder” von Focusing, war Mitarbeiter von Rogers an der Universität von Chicago. Was viele nicht wissen: Gendlin ist zunächst Philosoph, und erst in zweiter Hinsicht Psychotherapeut. In seinem Denken reicht er weit über das Gebiet der Psychotherapie hinaus. Und so ist auch Focusing eine Methode, die sehr viel mehr Potential hat, als man ihr zunächst ansieht.

Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert leben in komplexen, unübersichtlichen und beschleunigten Lebenswelten. Um sich in einer solchen Umgebung zurecht zu finden, brauchen sie die Fähigkeit, sich immer wieder neu, immer wieder frisch zu orientieren. Focusing ist eine innere Haltung, die dabei helfen kann, im ganz normalen “Chaos des Alltags” klare und stimmige Schritte zu finden, sich überall dort behutsam voranzutasten, wo es noch kein Standardvorgehen gibt, sich zu erden und auch in den schnellen und undurchschaubaren Abläufen der Postmoderne das zu fühlen, was jetzt gerade wichtig ist.

Falls Sie Focusing kennen: Was meinen Sie? Warum brauchen wir Focusing, auch über den therapeutischen Kontext hinaus? Ich bin offen für Ihre Antworten und freue mich vor allem auf kleine, scheinbar unwichtige oder nebensächliche Gedanken!

 

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Ich beschäftige mich gerade mal wieder vertieft mit dem Prozess-Modell, dem Hauptwerk des Philosophen Gene Gendlin. Darin beschreibt er lebendige Prozesse, die aus sich selbst heraus leben. Diese Lebendigkeit ist grundsätzlich ohne Bewusstheit möglich – auch Pflanzen etwa sind im Prozessdenken nicht Automaten, die rein mechanisch funktionieren, sondern lebendige Prozesse, die sich selbst gewissermaßen von innen her fühlen und aus diesem Fühlen heraus weiter entwickeln können. Denkt man eine Pflanze prozesshaft, so ist sie mit ihrer Umwelt bis ins Innerste hinein verwoben – es lässt sich nicht sagen, wo die Pflanze aufhört, und wo die Umwelt anfängt… an der Blattgrenze? Im Inneren der Wurzeln, durch die die Nährstoffe aufgenommen werden? Oder erst im Inneren des Blattes, in welches die Nährstoffe transportiert wurden? Oder auch im Boden, um die Pflanze herum, auf dem die Blätter fallen und vermodern und zu Humus werden? Als äußerer Beobachter können wir diese Grenze definieren, einfach durch das “Skalpell” unseres analytischen Blickes; aus dem lebendigen Prozess der Pflanze heraus jedoch ist eine Grenze nicht so leicht definierbar.

Soweit, so gut. All diese Prozesse kommen ohne Bewusstsein im herkömmlichen Sinne aus. Erst in den späteren Kapiteln des Prozess-Modells leitet Gendlin Bewusstsein her, wie wir es beim Menschen kennen, … bei all dem frage ich mich, ob es in anderen Systemen nicht doch auch ein Bewusstsein geben kann, eines nur, dass wir als Menschen nicht wahrnehmen können. Oder vielleicht können wir es sogar wahrnehmen. Vielleicht waren Sie schon einmal an einem Ort, der eine Seele hatte. Eine Gruppe von Bäumen, ein altes Gemäuer, ein dichter, verschlungener Wald oder ein stiller Bergsee. Manchmal wenn ich in der vom Menschen unveränderten Natur bin (etwa in Norwegen), habe ich das vage Gefühl: Da ist etwas. Ist diese “Seele” nicht so etwas wie ein sich selbst fühlendes Miteinander aller verwobenen Prozesse zugleich, die an diesem Ort ineinander und miteinander ablaufen? Ein alles-durch-alles, das durchaus auf unerkennbare Art geordnet in eine bestimmte Richtung geht? Könnte man das nicht auch “Bewusstsein” nennen?

Die alten Geschichten, die wir als Kinder gelesen haben, sind voll von diesen Phänomenen. Da gab es Baumgeister und heilige Orte, böse Wälder und lachende Bächlein. Nimmt man eine Trennung von (toter) Materie und (lebendiger) Seele an, wie dies in dualistischen Weltbildern wie dem unseren der Fall ist, so kann man diese Phänomene lediglich als menschliche Projektionen bezeichnen. Denkt man die Natur jedoch durch und durch prozesshaft, so ist jegliche Materie bereits selbst bis ins Innerste hinein lebendig. Dann gibt es nichts Totes, was erst nachträglich beseelt werden muss. Dann ist solch ein Ort selbst schon von vornherein Seele und Leben. Würde das nicht bedeuten, dass wir mit der Begradigung von Flüssen und dem Abholzen der europäischen Urwälder mehr verloren haben, als nur die Arten, die dadurch keinen Lebensraum mehr fanden? Ein Nutzwald hat keine Seele, so wie der Märchenwald der Gebrüder Grimm. Es sei denn, man lässt ihn wachsen und wuchern. Dann kommt sie vielleicht zurück.

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23. Juli 2014

Radikale Autonomie

Keine Angst vor Emotionen.
Konstanter Kontakt.
Was kommen will, darf kommen.
Konstanter Kontakt.
Liebe, die alle Widersprüche aufhebt.
Konstanter Kontakt.
Freiheit und Freiwilligkeit in allem.
Konstanter Kontakt.
Vertrauen und Sehnsucht als Lebensprinzipien.
Konstanter Kontakt.

Radikale Autonomie ist maximale Freiheit und maximale Beständigkeit zugleich.

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Darf ich mich beim Erstellen einer wissenschaftlichen Arbeit auf meine Lust beziehen? Ich meine: Ja. Ich darf nicht nur, sondern es ist unabdingbar. Die Lust ist ein wichtiges Gefühl, ohne das ich gar nicht inhaltlich sinnvoll arbeiten kann.

Die Lust hilft mir zum Beispiel, den grauen Brei an potentiell möglichen Themen vorzustrukturieren, die später in eine Arbeit Einzug finden werden. Denn sie impliziert den strukturellen Kern dafür, welche theoretischen Ansätze zu meiner Arbeit dazu gehören und welche nicht. Die Lust liefert harte, inhaltliche Kriterien dafür, auf welche Theorien ich Bezug nehmen muss und auf welche nicht. Die Lust hat auf keinen Fall lediglich etwas mit Faulheit oder bloßer Launenhaftigkeit zu tun. Sie ist nicht beliebig, sondern sie ist unbestechliches Richtschwert, sie ist Felt Sense und intuitives Gespür, das ein wissenschaftlich arbeitender Mensch notwendig braucht, um seinem Thema eine eigene Form zu geben. Ohne die Lust einer Autorin wäre eine Arbeit lediglich ein bloßes Konglomerat aus logisch zusammengefügten Versatzstücken ohne lebendigen, inneren Zusammenhalt. Eine solche Arbeit wäre nicht wirklich ihre eigene Arbeit, sie trüge keine Handschrift, sie wäre nicht ihr eigenes Werk, sondern sie gliche eher einem baukastenähnlichen Einkauf aus dem Ikea-Katalog. Ein anonymes “Man” betriebe dann die Wissenschaft, und nicht ein lebendiger, wollender Mensch.

Die Lust, die Neugier, das Interesse für ein Thema muss zuerst da sein, um gute wissenschaftliche Theorien, Modelle und Konzepte zu erstellen – erst aus diesem feinen, intimen Emfinden des Autors heraus kann das entstehen, was am Ende den Kern, den roten Faden und den Leitgedanken einer wissenschaftlichen Arbeit ausmachen wird. Sie hat Kraft und ist das Potential, das am Anfang steht, sie ist der Hinweisgeber dafür, wohin die Reise gehen wird. Der feine, lustvolle Forscherdrang, den ein Wissenschaftler in seinen Brust- und Bauchraum verspürt, wenn er sich einem für ihn faszinierenden Thema annähert, ist auch Kompass in den verwirrenden Stürmen und Untiefen der Literatursichtung. Er hilft ihm, Fomulierungen zu finden, die stimmig sind, wenn es daran geht, konkrete Textabschnitte zu formulieren. Er zeigt ihm am Ende, wo noch Unklarheiten zu beseitigen sind und wo bereits gute und wahre Gedanken gefunden wurden. Dieses Drängen ist an sich immer lustvoll, es fühlt sich einfach gut an, etwas zu erkennen und zu klären, zu formulieren und für andere Menschen festzuhalten.

Die Lust ist für eine Wissenschaftlerin in jeder Phase des Arbeitens ein “inneres Gegenüber”, an das sie Fragen richten kann: Was an dieser oder jener Theorie finde ich interessant? Was genau an jenem Modell langweilt mich? Was ist für mich das Spannende an dem Ansatz von Autorin XY? Was ist für mich das Aufregende an jenem Gedanken, den ich irgendwo in den Fußnoten eines Buches gefunden habe? Warum eigentlich lässt mich diese fremde Theorie nicht los, die auf den ersten Blick gar nichts mit meinem Thema zu tun hat? Auf all diese und unzählige andere Fragen kann mir meine Lust sehr präzise Auskunft geben. Befrage ich sie, so befrage ich in ihr mich selbst. Ich richte dabei meine Aufmerksamkeit auf meine eigene wissenschaftliche Neugier, und in der Neugier zugleich mein eigenes implizites Verständnis des Themas. Bin ich geduldig und nachsichtig genug mit mir selbst, wenn Antworten nicht wie aus der Pistole geschossen zu mir kommen, sondern eine Weile brauchen, um sich zu entfalten, so finde ich nach und nach zu immer präziseren Begriffen. Diese Begriffe kommen nicht aus Büchern, sondern sie sind tatsächlich meine eigenen. Sie sind für einen Wissenschaftler wertvoll wie Gold, denn sie sind der Rohstoff, das Material, die Fäden, aus denen eigene, individuelle Thesen, Modelle und Theorien gestrickt werden. Ich komme, indem ich mich selbst befrage, zu meinen ganz eigenen, expliziten (d.h. aussprechbaren oder zu verschriftlichenden) Gedanken, die nur ich so, auf diese spezielle Art, denke. Es sind neue Gedanken, die mich und mit mir zugleich das Thema voran tragen. Nur auf diese Art wird eine wissenschaftliche Arbeit eine gute Arbeit. Nur so entsteht aus mir selbst heraus ein stimmiges inhaltliches Kerngerüst, das das Thema, von dem eine Arbeit handelt, Satz für Satz als etwas Neues erschafft und dieses Neue in die wissenschaftliche (Fach-)Welt hinein trägt.

Wissenschaft darf und soll Spaß machen. Wenn dem nicht so ist, so wird auch die Arbeit, die dabei entsteht, nicht gut, denn sie bleibt blutleer und fade, ist eher bloße Auflistung und Handwerk als erkennende Durchdringung des Themas in dessen innerstem Kern. Wissenschaft darf und soll befriedigen. Nur so setzt sich das innerste Anliegen eines Menschen, der sich entschieden hat, Wissenschaft zu betreiben, in angemessener Weise im Rahmen der wissenschaftlichen Spielregeln fort.

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Zwei Menschen treffen aufeinander und beginnen, miteinander zu reden. Schlicht und einfach kann dieser Anfang sein. Und doch: Je genauer sie einander zuhören, und je bedachter sie einander antworten, desto wahrscheinlicher wird es, dass in ihrer Mitte ein thematisches Potential aufzuscheinen beginnt. Ich frage mich: Was ist das Wesen dieses Potentials?

Das Potential kann nichts Statisches sein. Es kann nichts sein, was da liegt und auf den Startschuss wartet. Es wartet nicht einfach darauf, dass es los geht. Es braucht keinen Startschuss, und dann beginnt alles. Sondern: Es ist selbst schon lebendig. Vorher. Es bewegt sich schon. Und es bewegt sich nicht mechanisch, wie ein quietschendes Planetenmodell, sondern es bewegt sich so, dass es Lebendigkeit ist. Es tanzt. Es gebiert kein “dumm wucherndes” Rhizom, sondern ein Gespräch, das bereits ahnt, worauf es hinaus will. Das thematische Potential weiß, was es will. Es ist beseelt. Es ist selbst die Seele des Themas. Es ist kein Etwas, ist nicht greifbar, nicht benennbar oder umfassbar, sondern es ist das, was wir selbst sind, und aus dem all das, was wir auch sein können, geboren wird. Es ist “the Heart of the house”. Es hat keine Grenzen. Es ist der Geist in der Flasche, der Schatz in der Truhe. Es ist die Unruhe, das Wollen, die Quelle des Lichtes, das durch den Riss scheint. Es ist die Wunde, in die wir den Finger legen. Es ist intentional und intelligent, aber es ist kein greifbares Gegenüber. Es ist in seiner Tiefe Spirit, es ist der Geist, von dem das Gespräch getragen wird, der Funke, der allen Worten Leben einhaucht und sie zum Leuchten bringt. Es ist der Groove und der Swing. Es ist das Mehr, das auch noch gesagt werden will. Es ist der fruchtbare Sumpfboden, auf den die Worte fallen. Es trägt bereits die Samen für die bunten Pflanzen, die aufkeimen könnten, in sich und es ist der DNA-Code in deren Zellkern. Es ist sanft und liebevoll, nimmt alles auf, was gesagt wird und birgt es in sich. Es ist weich und vergebend. Es ist das Leben, das diesseits und jenseits jeglicher Begrifflichkeit weiterlebt und -webt, während wir sprechen. Es ist der tiefe Ozean, die Ursuppe, das unendliche Dunkel des Weltalls, in dem die einzelnen Wortsterne aufleuchten. Es ist das … . Die Fortsetzung, die folgt. Die Sehnsucht der Liebenden. Die Funktionsstörung im Getriebe des Alltags. Es ist inhärente Entwicklungslogik, weil es nach allen Seiten hin offen ist und im Kern strukturiert und warm.

Das Potential kann nicht nicht wollen, es kann nicht nicht vorwärts drängen. Es ist das Ganze, um das es geht. Es ist der Sinn, der zwischen den Worten aufscheint und die Stille, die zu sprechen beginnt, wenn das Sprechen ganz leise wird.

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Der Preis der Freiheit, 3sat, 45 Minuten

Philosophisch gesehen müsste der Titel dieser Dokumentation eigentlich heißen: “Der Preis der Unabhängigkeit”. Denn Freiheit und Unabhängigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Meiner Ansicht nach geht es diesem Menschen, der da unter anderem vorgestellt wird, nicht um Freiheit. Sondern darum, möglichst unabhängig zu sein, von den Systemen der Gesellschaft. Er hat kein Bankkonto, keine Krankenversicherung, keine Wohnung und keine feste Freundin. Und er ist glücklich damit. Sagt er zumindest.

Freiheit jedoch ist etwas anderes. Sartre (1962) sagt, dass wir nicht nicht frei sein können: “Ich bin dazu verurteilt, für immer jenseits meines Wesens zu existieren, jenseits der Antriebe und Anlässe meines Tun: Ich bin dazu verurteilt, frei zu sein. Das bedeutet, daß wir für unsere Freiheit keine anderen Grenzen als sie selbst finden können oder, wenn man lieber will, daß wir nicht die Freiheit haben, aufzuhören, frei zu sein” (S. 560). Oder anders ausgedrückt: Auch, wenn ich mich in noch so vielen gesellschaftlichen Abhängigkeiten befinde, eine Arbeit habe, die mich knechtet, mein Bankkonto überzogen ist und ich Schulden habe und ans Bett gefesselt bin durch eine schwere Krankheit, bleibe ich frei. Denn “[...] diese äußeren Grenzen der Freiheit sind niemals, gerade weil sie äußerliche sind und nur als unrealisierbare verinnerlicht werden, ein reales Hindernis für sie und sind auch keine erduldete Grenze. Die Freiheit ist vollkommen und unendlich, was nicht besagen will, daß sie keine Grenzen habe, sondern daß sie ihnen niemals begegnet  (S. 670)”. Wir sind und bleiben immer frei, uns zu entwerfen, uns, wie Sartre sagt, zu pro-jektieren, auf die Zukunft hin. Ob dieser Entwurf, der wir selbst sind, ein Mensch in Abhängigkeit oder in Unabhängigkeit ist, ist für die Frage der Freiheit irrelevant.

Nichts desto trotz eine sehr sehens- und empfehlenswerte Dokumentation, die ein prägnantes Bild unserer aktuellen, postmodernen (Lebens-)Situation zeichnet.

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What a historical event really was becomes retroactively determined
by how subsequent events develop its significance.

Gene Gendlin

 

Die gute alte Zeit: Für uns heute ist das die Zeit, in der, so sagen wir, es noch nicht so viele Autos gab, das Leben noch nicht so schnelllebig war. Die Menschen, so denken wir, hatten noch Zeit, ein Schwätzchen zu halten, wenn sie sich beim Bäcker trafen, schauten einander an, statt vorüber zu hasten und so weiter. Wir meinen, die Menschen seien glücklicher gewesen, es habe noch nicht so viele Probleme auf der Welt gegeben und das Leben sei früher einfacher und lebenswerter gewesen als heute.

Ich frage mich: Stimmt das wirklich? Ist dieses Empfinden von “früher war alles besser” nicht lediglich ein Artefakt unseres Lebendigseins? Kommt es nicht gerade dadurch zustande, dass wir uns sozusagen immer nur auf der Höhe unserer aktuellen Entwicklung befinden können? Wir können immer nur gerade die Probleme lösen, die anstehen. Probleme, die es früher gab, erscheinen uns weniger brisant, denn sie sind ja oftmals tatsächlich gelöst. Und im Nachhinein betrachtet vergessen wir vielleicht ein wenig, wie schwierig das damals war, wie sehr wir tatsächlich gelitten haben. Denn so ist das doch immer bei Problemen und deren Lösung: Das Leiden, das Chaos, das wirre, schreckliche Durcheinander gehört schon mit dazu, zu dem Weg, der uns die Lösung bringt. Wenn dann der entscheidende kleine Schritt da ist, der den Knoten löst (oft ist der Augenblick, in dem dies geschieht, nicht vorhersehbar), dann wird alles, was zuvor geschah, was wir fühlten, alles, was nur aus einzelnen, vielleicht wirren Details bestand, zu einem Gesamtpaket integriert. Das Chaos geht auf einmal auf, macht Sinn.

Dieses Paket erhält im Nachhinein die Aufschrift “Alles über dieses Thema”. Und in dieses Paket packen wir sowohl die (oft schwierige) Ausgangslage, die Lösungsversuche, die ja, sind wir doch mal ehrlich, oftmals eher einem Herumtasten und einem hilflosen blinden Stochern gleichen, als einer planvollen, gezielten und erfolgversprechenden Strategie. Und schließlich die Lösung selbst. Alles ist auf einmal wohl geordnet, gehört ab jetzt zu unserer Geschichte dazu, und besteht nicht mehr aus einzelnen, sperrigen und widerspenstigen Details, sondern bildet ein stimmiges Ganzes.

Und dieses Ganze fühlt sich im Nachhinein runder an als die Probleme, mit denen wir uns aktuell herumschlagen müssen. Es ist ja schließlich abgehakt. Es stört uns nicht mehr. Es blockiert uns nicht mehr. Vielleicht lachen wir sogar im Nachhinein, wenn wir darüber nachdenken, wie schwierig das alles für uns war. Damals. Als wir noch jünger waren. Und unerfahrener. Und naiver.

Die gute alte Zeit. Das ist die Zeit, in der wir naiv waren. Naiv sind wir jedoch, in gewisser Weise, immer. Bis zu unserem Tode. Es ist nur eine Frage der Perspektive. Vielleicht gibt es im menschlichen Leben so etwas wie eine grundsätzliche Tendenz, den Dingen, die wir erlebt haben, durch Integration, durch das Schnüren zu Gesamtpaketen, den Stachel zu ziehen. Das, was in der Vergangenheit ein Problem war, und jetzt gelöst ist, ist kein Problem mehr und fühlt sich in der Gegenwart grundsätzlich besser an.

Das, was ich hier beschreibe, ist etwas anderes als Verklärung, denn Verklärung verzerrt. Das, was war, wird in der Verklärung falsch dargestellt. Verklärung sagt: Wir erinnern uns nur an die positiven Seiten und vergessen alles Unangenehme. Wir engen unsere Aufmerksamkeit ein. Die Integrationstendenz jedoch, von der ich hier spreche, engt nicht ein, sondern sie erweitert. Nichts wird weggelassen, sondern all die Schwierigkeiten, die Mühen, die Hilflosigkeit gehört zu unserem Leben dazu. Aber wir sind mehr als das.

Ich frage mich: Warum machen wir das eigentlich nicht gleich von Anfang an so? Das Naive, das ich heute bin, in jedem Zeitabschnitt meines Lebens bin, ist das, was später mal dazu gehören wird, zum Gesamtpaket. Warum also nicht jetzt schon anerkennen, dass das so ist? Warum soll ich damit warten, bis später, um dann erst darauf zurück zu blicken? Das Leben ist doch jetzt schon rund, und zugleich unrund, denn es wird immer unrund sein. Und es ist doch viel schöner, das Naive und Unklare zu genießen, als mich damit herumzuärgern. Schnüren wir doch das, was bis jetzt war, jetzt schon zu einem Gesamtpaket. Und jetzt. Und immer wieder jetzt.

Ich lade Sie ein, folgenden Gedanken zuzulassen und ein wenig damit herumzuspielen: Die gute alte Zeit von morgen ist gerade jetzt. Jetzt, heute, an diesem Tag. In der Welt, in der wir leben. Mit all ihren Problemen und Ungeklärtheiten. Und Sie stecken mittendrin. Jetzt.

Wie fühlt sich dieser Gedanke an?

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Es wird sich schon alles irgendwie gut ausgehen.
Sagt man in Süddeutschland. Das ist ein spannender Satz.

Es wird sich gut ausgehen. Sich heißt, es hat eine eigene Dynamik. Es handelt selbst. Es entscheidet selbst, und nicht ich entscheide. Es hat ein Eigenleben. Es wirkt in sich selbst zurück.

Es wird sich gut ausgehen. Es eben. Ich kann nicht genauer benennen, oder definieren, was es eigentlich ist.

Es wird sich gut ausgehen. Wird heißt: jetzt noch nicht. Okay, ich erkenne an, dass es jetzt noch nicht gut ist. Aber in der Zukunft wird es das sein.

Es wird sich gut ausgehen. Im gut steckt ein Atemzug. Etwas Offenes. Wie eine breite, sonnige Wiese, die sich hinter einem engen Tal öffnet.

Es wird sich gut ausgehen. Aus-gehen. Am Ende brauche ich nicht mehr zu gehen. Es geht sich aus. Meine Schritte werden langsamer und langsamer und irgendwann kann ich stehen bleiben und mich umschauen. Es findet zu einem natürlichen Ende, an dem ich mich hinsetzen kann. In die Sonne. Aufs Gras. Auf der Wiese.

Es wird sich irgendwie gut ausgehen. Irgendwie eben. Keine Ahnung, wie genau. Irgend-wie. Wichtiger als das wie im irgendwie ist das irgend. Die Wege des irgendwie sind unergründlich, aber sie führen wohl am Ende zur grünen Wiese. Irgendwie.

Es wird sich alles gut ausgehen. Alles. Also, hey, ich meine: alles. Alles ist ja echt viel. Es schließt eben alles mit ein. Alles ist kein kleines Denken, sondern es umfasst eben alles. Und jeden. Und alle Dinge. Und die Tiere. Und die Pflanzen. Und eigentlich den ganzen Kosmos.

Es wird sich schon gut ausgehen. Schon. Nicht erst in hunderten von Jahren, sondern schon. Also: Das alles wird vielleicht schon früher eintreffen, als ich eigentlich erwartet habe. Das schon ist das i-Tüpfelchen auf dem Satz.

Es wird sich schon alles irgendwie gut ausgehen.

Nicht schlecht, der Satz. :-)

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14. Februar 2013

Ein klarer Schnitt: Do it!

So we see that if we make linear time prior,
we artificially cut everything into positional units
and we make it impossible for anything to have its own activity.

(Gene Gendlin)

 

Lineare Zeit, so sagt Gendlin, ist dünner als das, was wir erleben und was im Universum tatsächlich vor sich geht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, abgetragen auf einem linearen Zeitstrahl, sind ein menschliches Konstrukt, mehr nicht. Dennoch geschieht etwas. Es gibt Zeit. Gäbe es sie nicht, so würde alles zugleich geschehen, und das ist ja offenbar nicht der Fall. Aber Zeit ist mannigfaltiger, als wir denken. In seinem Kapitel über die Zeit (1997) wagt er deshalb ein spannendes Gedankenexperiment. Ich möchte Sie mitnehmen, liebe Leserin, lieber Leser, auf die Reise zu einer anderen Vorstellung davon, was Zeit (auch) sein könnte.

Das Experiment lautet: was wäre, wenn es keine lineare Zeit gäbe? Was wäre, wenn es gar keine allgemeinverbindliche Zeit gäbe, die überall gültig ist? Was wäre, wenn das Universum kein rahmengebendes Uhrwerk wäre? Ein Uhrwerk, das mechanisch ein Förderband von Sekunden und Minuten und Stunden (definiert durch die Anzahl von Atomzerfällen) antreibt, von dem wir automatisch weitergetragen werden? Können wir uns ein Universum ohne dieses Förderband vorstellen? Können von ihm herabsteigen, drauf schauen und merken, dass wir es uns nur ausgedacht haben? Können wir erkennen, dass es etwas Künstliches ist? Und: Können wir neben dem Förderband leben, auf der blanken, fruchtbaren Erde? Können wir auf dieser Erde selbst voranschreiten, aus eigener Kraft? Ein Voranschreiten auf der Erde, das hieße: Leben ohne lineare, mechanische Zeit. Leben, das seine eigenen Zeiten hat, in jeder kleinsten Facette. Leben, das nach Lust und Laune voranschreitet. Was also wäre, wenn statt mechanischer Gleichförmigkeit lebendige Prozesse die Grundlage der Zeit wären? Prozesse sind das, was vor sich geht. Das, was passiert. Das, was sich ereignet. Das, was wächst und gedeiht. Und stirbt. Alles, was mit allem anderen verwoben ist. Alles, was lebt. Es ist ein merkwürdiges Bild, das ich da zeichne. Ein buntes Universum wäre das, vergleichbar einem wuchernden Treibhaus. Jegliches Leben hätte in diesem Treibhaus seine eigene Aktivität, seine eigene Zeit.

Ich denke, so fern von der Realität ist dieses Bild gar nicht. Peter Heintel, Professor an der Universität Klagenfurt, beschreibt etwas ganz Ähnliches, wenn er von der “Eigenzeit” eines jeden Lebewesens spricht. Alles, was lebt, verhält sich nicht nach der Linearität gemessener Zeit. Es “pulsiert”, hat Beginn, Ende, Höhepunkt, läßt sich nur als Szene, als Gestalt beschreiben. (S. 89). Das kennen wir auch aus dem täglichen Leben. Heintel beschreibt ein Beispiel aus seiner Lebenswelt: Bei einer der ersten Zeitumstellungen traf ich frühmorgens meinen Nachbarn. Er ist Landwirt. Diesen Morgen sah er irgendwie ärgerlich und unfreundlich vor sich hin. Ich sah mich veranlaßt, ihn nach der Begrüßung zu fragen, wie es ihm so ginge, was er hätte. “Ach”, meinte er, “nichts Besonderes, nur diese verdammte Sommerzeit.” Ich drückte mein Verständnis aus, war es doch auch mir nicht ganz leicht gefallen, eine Stunde früher aufzustehen, meinte aber, wir würden uns schon daran gewöhnen. “Wir schon”, sagte er, “nicht aber das Vieh.” Dieses brauche jeweils sechs Wochen mindestens (ebd., S. 90f.). Vielleicht fällt Ihnen ein eigenes Beispiel ein. Wo in ihrem Leben haben Sie einmal ganz deutlich bemerkt, dass Ihre eigene innere Uhr ganz anders tickt als die Ihrer Mitmenschen?

In einem lebendigen, nicht-mechanischen Universum ohne lineare Zeit können jederzeit  neue Dinge entstehen, denn nichts ist deterministisch vorgegeben. Und das, was entsteht, ist grundsätzlich relativ und auf einer absoluten Ebene nicht verstehbar. Nehmen Sie beispielsweise die Geschichte. Normalerweise denken wir ja, dass Geschichte einfach das ist, was sich in der Vergangenheit ereignet hat. Der Brennpunkt des “JETZT!” rückt auf dem linearen Zeitstrahl unerbittlich und gleichmäßig vorwärts, und alles was links des Brennpunkts liegt, ist Geschichte. Soweit die alte Definition. Wenn wir jedoch behaupten, dass der lineare Zeitstrahl gar nicht existiert (außerhalb unseres künstlichen, einteilenden Denkens), dann ist es so einfach nicht. Vergangenheit wird dann plötzlich lebendig und unendlich komplex. Auch dies ist gar nicht so fern von dem, was wir aus unserer Erfahrung kennen. Unterhält man sich beispielsweise mit Geschichtswissenschaftlern, so wird klar: es gibt eine unendliche Fülle von be-denkens-werten Aspekten, die auf der linearen Zeitachse links des künstlichen Brennpunkts der Gegenwart liegen müssten. Was davon ist nun Geschichte? Alles? Wäre das so, so könnte man nie und nimmer wissenschaftlich aufarbeiten, was geschehen ist, weil man gar keinen Überblick hätte. Statt dessen wählen wir bestimmte Aspekte der Vergangenheit aus und heben diese hervor aus dem Fluss des Ereignisstromes. Der Clou dabei: wir wählen gerade die Aspekte, die die Situation der Gegenwart konstituieren, aus der heraus wir wählen. Gendlin nennt dieses Phänomen “Schematized by Schematizing” (sbs): What a historical event really was becomes retroactively determined by how subsequent events develop its significance. The Bosnian war is part of what the Fall of the Austrian Empire “was.” The event of its fall is sbsed by current events (S. 67).

Die Vergangenheit wird schematisiert, indem sie das, was Gegenwart ist, schematisiert. Die vergangenen Ereignisse verschwimmen nicht zu einem grauen Brei, da sie die Gegenwart schematisieren, welche wiederum aufgrund der Vergangenheit nicht beliebig ist. Gegenwart und Vergangenheit sind also so eng verzahnt miteinander, dass man sie nicht voneinander trennen kann.

Das Gedankenexperiment geht noch weiter. Gendlins Universum ist ein unendlich komplexes Ineinander-Verwobensein mannigfaltiger lebendiger Wesen. In solch einem bunten Universum bis aufs Feinste interagierender Prozesse gibt es so etwas wie eine Fülle von individueller und je-eigener Intentionalität. Was lebt, wünscht, sehnt sich, will. Auch Menschen wünschen, sehnen sich, wollen. Folgt man Gendlins Sbs-Idee, so ist auch das, was wir selbst wollen, geformt durch das, was war. Und was war, formt sich gerade durch das, was wir wollen. Auch unsere persönliche Vergangenheit schematisiert unsere Gegenwart, indem unsere Gegenwart unsere persönliche Vergangenheit schematisiert und umgekehrt.

Dieses schematisierende Schematisieren ist ein nicht endenwollendes, zutiefst in sich selbst verwobenes Vorsichgehen. Wir sind zutiefst darin gefangen und zu Hause. Wollen wir unsere Zukunft lebendig gestalten, lohnt es sich manchmal, inmitten all der schematisierenden Schematisiererei einen klaren Schnitt zu machen: dadurch verhindern wir, dass die ihm innewohnende Eigen-Aktivität immer weiterläuft. Wir können frische Luft schnappen und etwas verändern.

Derartige Schnitte kann man im Grunde genommen beliebig setzen. Das Ende eines Semesters an unseren Universitäten ist solch ein Schnitt. Oder Geburtstage, wiederkehrende Ereignisse in unserem Leben, die wir an der vollen Erdumrundung um die Sonne (=1 Jahr) festmachen. Im Grunde genommen ist es völlig egal, wo wir den Schnitt setzen. Wichtiger ist: durch unsere Entscheidung, zu schneiden, erhalten wir die Gelegenheit, innezuhalten. Wir können die wirkende Eigenaktivität schematisierender Schematisierungen unterbrechen und unser Leben neu bedenken. Wir erkennen im Schnitt an, was ist. Und erst auf dieser Grundlage wird es uns möglich, ehrlich zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Wie sehe ich das, was vergangen ist? Unter welchen neuen Gesichtspunkten könnte ich es betrachten? Was für ein neues Gefühl entsteht dabei? Indem wir das, was “bis” zum Schnitt “war”, zulassen, erlauben wir Veränderung. Wir schematisieren neu. Wir re-schematisieren. Wir updaten unsere schematisierenden Schemata.

Auf diese Art können wir “jederzeit” unsere Verwobenheiten öffnen und die sich daraus abzeichnende Zukunft selbst in die Hand nehmen. “Der Akt ist der Ausdruck von Freiheit”, sagt Sartre (1962, S. 557). Probieren Sie es aus. Halten Sie inne, erkennen Sie an, was ist und handeln Sie frisch: Jetzt!

 

Literatur:
Gendlin, E.T (1997): A Process Model. New York: Focusing Institute.
Heintel, Peter (1999): Innehalten. Gegen die Beschleunigung – für eine andere Zeitkultur. Orig.-Ausg. Freiburg im Breisgau u.a: Herder.
Sartre, Jean-Paul (1962): Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. 1. Aufl. Hamburg]: Rowohlt Verlag.

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